Gedanken zur Bundestagswahl 2017 und unser mangelhafter Umgang mit dessen Ergebnis

Beitragsbild © mw238

„Wahnsinn ist, wenn man immer wieder das Gleiche tut, aber andere Resultate erwartet.“
—Rita Mae Brown, Die Tennisspielerin

Nach dem Wahlergebnis vom Sonntag waren die Gemüter sichtlich erhitzt, was sich in meinem Facebook Feed hauptsächlich durch einen Sturm der Entrüstung geäußert hat, gepaart mit triefendem Zynismus. Ich hab mir das eine Zeit lang angesehen und konnte nur noch mit dem Kopf schütteln. Ein Muster gab es aber:

Alle AfD-Anhänger sollen jetzt am besten noch mehr ausgegrenzt, bekämpft und ausgeblendet werden. Nicht meine Meinung, alle doof, verblödet, baut die Mauer wieder auf, löscht mich, etc. Weil das ja vorher schon so gut funktioniert hat.

Ich muss mir ernsthaft die Frage stellen, was schlimmer ist: die AfD im Bundestag oder unser unwürdiger Umgang mit dieser Tatsache? Ich komme zu der Auffassung: beides ist absolut inakzeptabel.

Eines gleich vorweg: Wir liefern uns hier keinen Wettbewerb, wer bisher mehr AfD-Anhänger vom rechten Weg (haha) wieder zurück auf den vermeintlich richtigen holen konnte. Ich hatte bisher mit keinem AfD-Anhänger das Vergnügen mir einen Schlagabtausch liefern zu können/müssen. Das ist auch nicht der Hintergrund dieses Posts. Eine Demokratie muss es aushalten können, wenn jemand andere Motive/Agendas/Meinungen/Weltanschauungen hat und jemanden individuell oder kollektiv deswegen zu denunzieren zeugt für mich von eher mangelndem Demokratieverständnis.

Meiner Meinung nach ist es da auch wichtig zu differenzieren. Mit den total verstrahlten würde ich auch nicht reden wollen, weil da redet man höchstwahrscheinlich tatsächlich genau so gut gegen die Wand. Die Resignation würde da nicht lange auf sich warten lassen. Ich bin aber auch der Auffassung, dass es nichts bringt gegen die AfD und ihre Funktionäre und Anhänger direkt vorzugehen. Eine solche Art der direkten Aggression und Konfrontation verhärtet die Fronten nur noch weiter. Als viel wirkungsvoller empfinde ich, die Missstände zu bekämpfen, die es der AfD überhaupt erst ermöglicht haben, so viel Rückenwind zu bekommen. Denn wenn die AfD keinen Nährboden mehr für ihre Polemik hat, dann bin ich auch überzeugt davon, dass ihr kein solcher Zulauf mehr gewiss ist, denn Missstände in unserem Land sind es ja eben, die sie sich auf die Fahne geschrieben haben. Das setzt aber auch voraus, dass wir zuerst bei uns anfangen unseren Umgang mit der AfD ändern.

Mein Standpunkt ist deshalb (und ich habe den Eindruck das verstehen nach wie vor die wenigsten, mehr noch nach dem Wahlergebnis): von seinem hohen Ross runterkommen und aufhören das ganze ständig auf die persönliche Ebene zu verlagern und die Leute als „dumm“, „Nazis“, „braunes Gesocks“ zu beschimpfen, weil man sich jetzt ach so doll darüber aufregen muss, dass es „Nazis in den Bundestag geschafft haben“.

Ja, es ist nach wie vor ein Unding, dass es so weit gekommen ist. Für mich ist das aber kein Grund jetzt auf die Straße oder Facebook zu gehen und Leute dumm anzumachen. Jeder hatte wahrscheinlich seinen Grund so zu wählen, wie er gewählt hat, egal wie dämlich das dem einzelnen vorkommen mag. Aber so ist das eben in einer Demokratie. Es ist ein Privileg, das müssen wir uns im Bewusstsein halten. Wie jeder einzelne von diesem Privileg Gebrauch macht ist für mich ab diesem Punkt aber nicht mehr weiter von Belang. Das Volk hat gewählt und es bekommt die Regierung, die es verdient.

Btw17afd

Wenn ich mir die Heatmap anschaue wie und wie stark wo gewählt wurde, wird mir auch klar woher die Zwischenrufe wie „Baut die Mauer wieder auf“ rühren. Egal ob im Zynismus oder im Ernst, das ist jetzt weder zielführend noch förderlich und ich denke das weiß jeder selber. Mir geht es auch darum mehr den eigenen Umgang damit zu reflektieren und meine Ansicht zu äußern, dass ich diese anhaltende Massenempörung gepaart mit persönlichen Angriffen und dem Aufruf zum Ausschluss falsch finde.

Damit wird nur der Trend fortgesetzt, der überhaupt erst dazu geführt hat, dass wir die AfD jetzt im Bundestag haben. Wir hatten PEGIDA und die AfD immer nur belächelt und von Anfang an nicht ernst genommen. Aus PEGIDA wurde dann plötzlich politisches Engagement in Form einer Partei. Dann haben sie plötzlich angefangen Mehrheiten bei den Landtagswahlen zu gewinnen, nachdem sie immer nur belächelt, kleingeredet und als „rechte Spinner“ abgetan wurden.

„Nazis? In meiner Regierung? Pfft! Kann doch gar nicht passieren, wir wissen doch alle aus der Schule, dass— Oh…“

Dieses Argument zählt für mich nicht und ich sag euch auch warum: der Geschichtsunterricht lehrt uns nicht nur, dass die Nazis böse Menschen waren, er hätte uns eigentlich auch lehren sollen, wie es kommen konnte, dass Nazis überhaupt damals an die Macht gekommen sind. Nur eben genau dieses letztere Detail fällt ständig unter den Tisch (Guido Knopp lässt grüßen). Dass damals wie heute Menschen am Rande des sozialen Abgrunds von Polemikern aufgefangen wurden, die sich von allen anderen im Stich gelassen fühlten und gerade deswegen erst für solches Gift empfänglich waren. Die Umstände heute sind andere, das Prinzip genau dasselbe, aber niemand scheint das zu erkennen und lässt sich stattdessen viel zu häufig zu Kurzschlussreaktionen verleiten und auf Hetze und mangelnde Sachkenntnis mit noch mehr Hetze und mangelnder Sachkenntnis zu reagieren. Man schaukelt sich gegenseitig hoch, bis die Fronten so verhärtet sind, dass nix mehr geht und dann sollen die anderen Schuld sein, weil „Mit denen kann man ja eh nicht reden, die sind rationalen Argumenten nicht zugänglich.“

Ich frage euch: könnt ihr von euch behaupten, dass man mit euch noch reden kann, wenn euch Ansichten präsentiert werden, die ihr nicht teilt? Könnt ihr es mit euch vereinbaren, dass ihr auf Hass und Ablehnung mit mehr Hass und noch mehr Ablehnung reagiert? Dass dieses Auge um Auge, Zahn um Zahn, gleiches mit gleichem vergelten, irgendwie noch zu einer Art Besserung beiträgt?

Für mich steht grundsätzlich an erster Stelle: erst mal vor der eigenen Haustür kehren bevor man an andere Leute höhere Standards setzt als man selbst erfüllt.

Apropos Bildung: ich denke ich muss hier nicht nochmal ausführen, wie marode die Schulsysteme in den einzelnen Bundesländern sind, allen voran im Osten. Den Schulen fehlt für einen anständigen Bildungsauftrag von hinten bis vorne die Gelder, während in den letzten Legislaturperioden ständig lieber mit der Wirtschaft gekuschelt wurde, welcher es nur recht sein kann, wenn wir irgendwann nicht mehr 1 und 1 zusammenzählen können, damit sie uns noch mehr nutzlosen und überteuerten Müll andrehen können, den wir eigentlich nicht brauchen. Derweil wird das Arbeitnehmerrecht von Lobbyisten so weit verkrüppelt, dass wir da einen Rückschritt um gut 100 Jahre hinlegen und wir genauso gut wieder die Knechtschaft und Leibeigenheit einführen könnten.

Davon sind die Leute geplagt und es ist jahrelang nichts passiert und manche kommen selbst mit 2 Jobs nicht über die Runden und das Arbeitsamt und die Jobcenter terrorisieren die Leute auch noch zusätzlich. Jeder der mal mit einem von beiden das Vergnügen hatte weiß, dass jede Interaktion mit einem von beiden die reinste Qual ist. Das soll jetzt keine Rechtfertigung sein aus Protest AfD zu wählen, man hätte auch Die PARTEI wählen können, aber hätten die dann auch Bewegung in das ganze bringen können? Die Altparteien wären dann immer noch im Bundestag und alles bliebe genauso beim Alten. Rechtsradikale im Bundestag sind in meinen Augen das eindeutigste Symptom dafür, dass sich etwas ändern MUSS weil bei uns gehörig was schief läuft, wenn sie so dermaßen erstarken.

Das ist die Erkenntnis die ich aus dem Wahlergebnis ziehe: ein Rechtsruck ist das eindeutigste Symptom dafür, dass die Vernachlässigung und Probleme gewisser Gesellschaftsschichten so krass Überhand genommen haben, dass sie aus Frust vielleicht sogar bewusst ihre Stimme einer Partei geben, von der hinlänglich bekannt ist, dass sie ein Programm fährt, das ganz eindeutig eine Kampfansage an alles ist, was wir mittlerweile für selbstverständlich halten. Siehe Trump: große Klappe, Polemiker, kein Konzept, dafür aber umso geschickter Leute um den Finger zu wickeln. Wählerschaft fällt aus allen Wolken als sie merken, dass er, erst mal an der Macht, eine 180° Wende macht und sich mit seiner Politik gegen seine eigenen Wähler wendet.

Es ist ja nicht mal so, dass AfD-Anhänger oder AfD-Funktionäre prinzipbedingt dumm wären, auch wenn sich viele einreden, das wäre der (einzige) Grund. Denn wenn sie es wären, wie kommt es dann, dass überall dort, wo Altparteien wenig bis gar keine Präsenz gezeigt haben, die AfD so richtig reingeballert hat mit ihrem Wahlkampf? Vergleiche mit 1933 sind meines Erachtens nur insoweit angebracht, als dass die AfD es wie keine andere Partei versteht, Menschen aufzufangen und zu mobilisieren wie damals die NSDAP. Nur wenn man immer bloß denkt „Also bei UNS mit UNSERER Vergangenheit kann das ja gar nicht passieren“, genau DANN passiert’s halt. Es ist schon völlig zutreffend, dass wir eben aus diesem Grund im Geschichtsunterricht unsere Vergangenheit so mahnend mit erhobenem Zeigefinger aufarbeiten, nur was nützt das wenn genau dieselben Fehler wieder begangen werden und Politik sich so fern ab der Realität abspielt, dass sie für das Volk nicht mehr greifbar wirkt?

Und die Medien haben sich beileibe auch mit ihrer Berichterstattung und in Interviews nicht mit Ruhm bekleckert. In Interviews und vor allem vor laufender Kamera AfD-Funktionäre immer wieder Rhetorisch dahin drängen zu wollen, sich selbst bloßzustellen damit die Leser-/Zuhörerschaft genau das aufgetischt bekommt, was wir ja offensichtlich schon lange wussten. Damit man weiter mit dem Finger auf sie zeigen kann, um sie Mundtod machen zu können sobald sie selbigen auch nur versuchen aufzumachen, um sich zu erklären und ihnen keine ernstgemeinte Chance gibt zu Wort zu kommen und sie ständig abwürgt. Ich habe in der Grundschule noch sowas wie Gesprächsregeln vermittelt bekommen.

Das kann und darf in einer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft meiner Auffassung nach nicht sein. Und da kann ich den „Lügenpresse“ Rufern jetzt nicht mal mehr einen Vorwurf machen, denn der Umgang der Presse mit der AfD war einfach nur daneben und hat weniger uns unsere Vorurteile bestätigt, als den AfD-Anhängern noch mehr Gründe an die Hand gegeben sich in ihren Ansichten bestätigt zu sehen. Wer da noch ernsthaft behauptet, man könne mit den Leuten nicht reden, wenn man ihnen im Vorfeld schon gar kein Gehör geschenkt hat und konstant versucht ihnen den Mund zu verbieten hat in meinen Augen nicht das Recht von sich zu behaupten, er sei sich keiner Schuld bewusst. Wenn ihr euch schon für gebildeter haltet, dann benehmt euch auch so.

Ob die AfD im Bundestag bestehen kann, das wird die Zeit zeigen. Denn jetzt sind die Scheinwerfer erst recht auf sie gerichtet, was man schon daran erkennen kann, dass Funktionäre wie etwa Alexander Gauland mit seiner „Jagd“-Rhetorik auf angemessenem Niveau wie vom stellvertretenden ZDF-Chefredakteur Elmar Theveßen kritisiert werden. Und meine Hoffnung ist immer noch, dass die AfD genau so ohne Konzept in den Bundestag einzieht wie sie ihren Wahlkampf und innere Struktur führen und nachher nichts auf die Beine gestellt bekommt, sich in innerparteilichen Streitigkeiten selbst zerlegt und es die AfD-Anhänger eiskalt erwischt, wenn sie merken, dass die AfD keine Politik für sondern gegen die eigenen Wähler macht. Vergleiche ich nämlich Wahlprogramm mit dem was AfD-Funktionäre so von sich geben schätze ich sie nämlich genau so ein. Hat natürlich nur keiner gelesen, weil die AfD es ebenfalls wie keine andere Partei mit ihrer Polemik drauf hat, ihre Wählerschaft um den Finger zu wickeln. Daran scheitern die etablierten Parteien nämlich seit Jahren, weil sie gebetsmühlenartig immer dieselben hohlen Phrasen aus der Mottenkiste holen, dass die AfD da ja fast schon als „frischer Wind“ bezeichnet werden kann, was den Wahlkampf betrifft. Vielleicht merken die Altparteien dann auch endlich mal, dass Themen wie z. B. Glasfaserausbau den Leuten ein Stück Lebensqualität zurückgeben würde, besonders auf dem Land, und auch junge Menschen dann getrost aufs Land ziehen könnten und das Landleben nicht mehr nur als was für Alte verstanden wird. Gelder müssen anfangen dort hin zu fließen wo Nachholbedarf besteht, damit die einen nicht gleicher sind als die anderen. Deswegen wollen ja auch viele den Solidaritätszuschlag rauskanten, weil das gar keine zweckgebundenen Mittel sind und auch nachweislich nicht dafür verwendet werden Ausgleiche zu schaffen, was das Wort „Solidarität“ ja eigentlich suggeriert.

Kurzum: Die AfD spielte in ihrem Wahlkampf mit der Angst der Menschen und konnte sie für ihre Agenda gewinnen. Es hat nichts mit Dummheit zu tun. Die Angst der Leute, die von der Gesellschaft eh schon abgehängt werden, haben Angst noch weiter abzurutschen und die AfD hat das erkannt und für sich genutzt. Während alle anderen Parteien weiter ihre hohlen Phrasen aus der Mottenkiste holen, viel reden aber im Endeffekt nichts sagen, ging die AfD um Längen strategischer an den Wahlkampf ran.

Ich würde mir wünschen, dass wir alle unseren Umgang miteinander grundsätzlich überdenken. Wenn ich mit diesem langen Post bei einigen zumindest schon mal Anlass zu einem kleinen Denkanstoß liefern konnte wieder offener auf Leute zuzugehen, sich selbst und sein Verhalten zu reflektieren und andere in eurem Umfeld auch zum nachdenken anzuregen, dann bin ich zuversichtlich, dass die nächste Wahl mehr nach unseren Vorstellungen ausfällt.

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