iPhone 7 mit Lightning Kopfhörern

Das iPhone 7 klinkt sich aus

Ein neues Jahr, ein neues iPhone. Und wie jedes Jahr gehen gebetsmühlenartig die teils witzigen, teils dummen Neckereien los – sowohl von Konsumenten als auch anderen Smartphone-Herstellern. Im Normalfall würde ich einfach 1-2 Wochen meinen Facebook bzw. Twitter-Konsum stark zurückschrauben, gäbe es da nicht die eine Änderung am iPhone 7, die so viel Butthurt verursacht hat und bei einem Großteil der Journalisten, Smartphone-Hersteller und 9gagger im direkten Anschluss an das Apple Event vom 9. September einen der größten kollektiven Gehirnfürze ausgestoßen hat, den ich nicht unkommentiert lassen kann und möchte.

Ich rede natürlich vom Wegfall der Kopfhörer-Klinkenbuchse.

My Butthurt will go on ♪

Nun mag man sich über das Für und Wider lange streiten.

Apple verargumentiert den Wegfall der Klinkenbuchse mit “Mut”. Na ja, der Argumentation kann ich auch nicht ganz folgen. Mutig im Sinne von “Usern etwas wegnehmen, das schon seit knapp 10 Jahren an allen Apple-Geräten vorhanden war”? Ja, das braucht schon ordentlich Cojones. Gleichzeitig lässt sich wohl kaum abstreiten, dass es als Anreiz dienen soll in ein Paar AirPods zu investieren. Das wären dann 179 Euro. Thank you, come again.

Und wie immer bei solchen Ankündigungen fliegen gleich jede Menge Fehlinformation durch Soziale Netze, 9gag und Blogs. Ich behaupte jetzt nicht, dass ich an der Menge an Butthurt mit einem Rant irgendwas ändern könnte, aber das hat mich auch vorher schon nicht aufgehalten.

Nimm dir ’n anderes Headset, du wirst schon wieder zur Diva

Ich will ehrlich sein: die Laufzeit von 5 Stunden bei den AirPods haut mich auch nicht vom Hocker. Ich habe vor 3 Jahren auf ein Philips Bluetooth Headset für ca. 60 Euro gewechselt und das hält einen ganzen Tag und klingt nicht schlechter als meine Klinken-Kopfhörer von AKG (ebenfalls um die 50 Euro damals) oder die mitgelieferten EarPods von Apple selbst. Von daher kann ich den Aufruhr über das Preis-Leistungs-Verhältnis bei den AirPods durchaus verstehen, nicht aber die Argumentation, dass sie die Klinke weggenommen haben, um Kunden zu gängeln. Dem mündigen Käufer traue ich noch zu, dass er vor dem Kauf vergleicht und eine Entscheidung treffen kann, die seinem Budget entspricht.

Apple AirPods

AirPods sind auch kein Hexenwerk: sie verbinden sich genauso über Bluetooth wie jedes andere kabellose Headset. Die einzige “Magie” hinter dem Verbindungsprozess ist ein Apple-eigenes Protokoll, das sich in Bluetooth einklinkt (Wortwitz nicht beabsichtigt), wahrscheinlich irgendwas NFC-ähnliches. Der Name Bluetooth wurde bei der Vorstellung auf dem Apple Event vom 9. September übrigens kein einziges Mal erwähnt, wahrscheinlich weil sich auch Apple sehr wohl über den schlechten Ruf des blauen Zahns vollumfänglich bewusst ist.

Auch möchte ich die Einschränkungen nicht schönreden denen Bluetooth Headsets unterliegen. Wie schon erwähnt, müssen sie geladen werden. Gehen sie auf einer längeren Fahrt leer ist mit dem Musikgenuss ebenfalls Schluss. Allerdings gibt es auch Bluetooth Headsets (wie meine) die in einem solchen Fall ebenfalls per Klinke verbunden werden können – was dann aber auch mit Funktionseinbußen einhergeht, da die Audiosteuerung und das Mikrofon über Klinke nicht benutzt werden können. Auch ist der Klang über Klinke nicht mehr so klar, sondern eher dumpf. Mit einem hochwertigeren Digital-Analog-Wandler hätte dem aber wahrscheinlich auch entgegengewirkt werden können, aber sowas darf man in einem 60 Euro Headset, dessen Fokus auf rein digitaler Bluetooth-Übertragung liegt, nicht unbedingt erwarten.

Ebenfalls sind Bluetooth Kopfhörer auch Störeinwirkungen nicht erhaben. Wenn Resonanzen in der Umgebung sind (viele WLANs, andere Handys mit aktivem aber ungenutzem Bluetooth, etc.) dann kann die Wiedergabe schon mal ins Stocken kommen. Das ist in der Stadt jetzt nicht so unüblich, aber es gehört eher zu den Ausnahmefällen und man dürfte Musik ja auch eher unterwegs hören, also bleibt man nie lange an einem Ort.

Ein Argument, dem ich aber sehr wohl folgen kann ist, dass es in den letzten Jahren keine nennenswerte Neuerungen mehr bei der Klinke gab und andere Technologien die Klinke längst überholt haben und sie unnötigen Platz frisst, der anders besser genutzt werden kann. Vielen dürfte wohl auch entgangen sein, dass Intel ebenfalls der Klinke ans Leder will, um alles über USB-C laufen zu lassen und die ersten Android-Hersteller folgen bereits dem Beispiel Apples – wie zuvor schon mit fest verbauten Akkus und mal ehrlich, wie viele von euch rennen mit einem zweiten Handy-Akku in der Tasche rum? Ich habe noch niemanden sagen hören: “Warte mal, mir geht der Akku leer, ich wechsel den schnell mal aus.” Weder bei Handybesitzern mit fest verbautem Akku noch bei Besitzern eines Handys mit austauschbarem Akku. Also ist das auch nur höchstens ein Vorwand, kein wirkliches Argument. Doch ich schweife ab.

Ein Problem, das mit Halbwissen herbeigeredet wird

Was hier aber beim kollektiven Rumfurzen untergeht ist, dass die AirPods kein Muss sind und der 9 Euro Adapter von Lightning auf Klinke jedem iPhone 7 beiliegt. Da haben einige wohl immer noch nicht das Memo gekriegt.

Dann bleibt nur noch das Argument, dass man nicht gleichzeitig das iPhone aufladen und Musik hören kann. Mal abgesehen davon, dass man bei gleichzeitigem Laden und Musikhören auch nicht wirklich viel Bewegungsfreiheit hat, da man immer in der Nähe einer Steckdose bleiben muss, wird es auch nicht viele geben, die mit einer PowerBank in der Hosentasche durch die heimischen vier Wände stapfen wollen, die ihnen die Jogginghose beim Laufen auszieht (Ausnahmen bestätigen die Regel; …die PowerBanks, nicht die Jogginghosen).

Zwar gibt es einen 40 Euro Adapter der aus einem Lightning Port zwei macht, damit gleichzeitiges Laden mit Musikhören über Lightning möglich wird, aber der ist 1. nicht von Apple sondern von Belkin und 2. macht das eine Investition in Bluetooth Kopfhörer eines anderen Herstellers nochmal eine ganze Ecke sinnvoller. Da leg ich lieber nochmal 20 Euro oben drauf und hab dann eine vernünftige Lösung für ein Problem, das eigentlich nie eins war. Man kann sich frei bewegen, bleibt nicht in der Türklinke hängen und reißt sich Ohren und Kopfhörer kaputt und das iPhone kann zeitgleich Laden. Der Klinkenadapter liegt ja wie gesagt bei und damit sollte es genauso möglich sein seine 200 Euro Kopfhörer von Schieß-mich-tot-Awesome-McÜberteuert-ich-hör-den-Unterschied-trotzdem-nicht weiter mit einem iPhone 7 nutzen zu können. Andererseits haben andere Hersteller auch schon in vorauseilendem Gehorsam die Produktion von Lightning-verbundenen Kopfhörern angekurbelt, aber auch solche gab es schon vor dem iPhone 7 und schlagen zwischen $300-$800 zu buche. In diesen Dimensionen erscheinen auch die AirPods preislich als Schnäppchen.

Why can’t you move on?

Wie schon bei anderen Ankündigungen haben sich die Wogen im Verlauf des technischen Fortschritts geglättet. Mit der Zeit werden wahrscheinlich auch andere Hersteller die Klinke entfernen und alles über einen einzigen Port laufen lassen. Wenn dann andere Alternativen entwickelt wurden, dann werden wir uns alle wundern, warum wir uns überhaupt darüber aufgeregt haben, dass sie entfernt wurde. Ein ehemaliger Kollege schwadronierte mal darüber, dass er es unsäglich fand, als Apple die Diskette aus seinen Macs verbannt hat. Wieder andere haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als Apple das DVD-Laufwerk aus seinen Macs entfernt hat. Heute schreit niemand mehr danach, da andere Entwicklungen diese Technologien überflüssig gemacht haben; was damals die CD für die Diskette war, ist heute Video-on-Demand (Netflix, Amazon, iTunes) für die DVD und sogar die Blu-Ray.

Die einzige Frage die ich mir nur immer jedes Mal stelle ist, warum die Leute nicht loslassen können, wenn es doch offensichtlich bessere Technologien gibt und sich ein Problem herbeireden, das keines ist und sie obendrein auch noch nicht im geringsten berührt. Nun, andere Hersteller scheinen da mit ihren neusten Geräten bei ihren Kunden auch für weitaus mehr Bombenstimmung zu sorgen.

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