Wie ich den Fall Samsung vs. Apple sehe

Nun wurde ein Urteil in dem ewig währenden Kindergarten zwischen Apple und Samsung gesprochen. Das Gericht hat Samsung dazu verurteilt eine Summe in Höhe von $1,05 Milliarden Schadensersatz an Apple zu zahlen, weil diese vorsätzlich das Design von iPhone und iPad kopiert haben sollen. Als Besitzer von Geräten beider Fraktionen habe ich nach dem Urteil ebenfalls gemischte Gefühle.

Ich hab selber ein Samsung Galaxy S2 und hatte mich auch bis Herbst/Winter 2011 dagegen gesträubt ein Samsung Handy zu kaufen, weil ich wusste wie abgeklatscht schon allein der Interface Aufsatz „TouchWiz“ war. Das half aber nicht darüber hinweg, dass mein HTC Desire es nicht mehr gebracht hat und ich nur noch frustriert damit war. Nach genug Gefluche meinerseits hat man sich meiner schließlich erbarmt und mir zu Weihnachten dann ein Galaxy S2 geschenkt und ich kann mich bis heute eigentlich nicht beschweren.

Dennoch bleiben einige Gemeinsamkeiten im Bereich Software-UI-Design und Bedienung. Besonders auffällig war das beim ersten Samsung Galaxy S, bei dem alle App Icons dieselbe Form hatten (quadratisch mit abgerundeten Ecken). Beim wechseln von Home-Screens und in der App-Übersicht wird am unteren Rand ein Indikator angezeigt, auf welcher Seite man sich befindet und unterhalb des Seitenindikators finden sich auch nochmal vier Icons, die in ihrer Standardanordnung fast genau von iOS übernommen wurden: Telefon, Kontakte, Nachrichten, Anwendungen (mit dem Unterschied, dass die Anwendungen bei iOS ja immer offen sind und da irgendwas anderes hockt). Die Spitze des Eisbergs wäre gewesen, wenn Samsung auch noch den Lockscreen vom iPhone 1:1 übernommen hätte. Es stört mich schon seit Linux, dass Designern nichts besseres einfällt als irgendein Design eines „Konkurrenten“ abzukupfern, weil sie schlichtweg zu einfallslos oder zu faul sind und sich trotzdem Designer schimpfen. Allein auf der ersten Seite schon 3 Apple-ähnliche und 1 Windows XP Design, auf der zweiten wieder 2 Apple-ähnliche und 2 Vista-ähnliche. WTF! Wenn ich wollte, dass mein System wie Apple oder Microsoft aussieht/funktioniert, dann hätte ich mir Apple oder Microsoft gekauft! Aber mit Linux Designs wird ja kein Geld verdient. Beim noch relativ jungen Smartphone-Markt liegt die Sache offensichtlich anders, denn hier fließt die richtig dicke Kohle. Dass Samsung sich hierbei mit fremden Federn schmücken wollte kann man nun sehen wie man will, aber dass sie die Quittung dafür bekommen war nur eine Frage der Zeit, wenn ihr mich fragt.

Aber auch das physische Design der Telefone hat sich erst mit dem S3 angefangen von Apple zu divergieren (obgleich das S3 einen Siri-Klon hat, der neben Google Now ohnehin irgendwie obsolet wirkt). Das S1 sah noch aus wie ein iPhone 3GS und das S2 kam dem iPhone 4 von der Form her ziemlich nahe, ebenso wie eine einzige Hardware-Taste mittig unter dem Display in Form eines Quadrats, die auf den Homescreen zurückführt, während andere Standard Android Tasten wie „Menü“ und „Zurück“ als kapazitive Tasten angebracht sind und nach ein paar Sekunden ausgeblendet werden. Wer würde nicht „Apple“ denken?

Apropos Apple: Die haben übrigens mit iOS5 von Android und sogar Windows Phone 7 abgekupfert und setzen diesen Trend in iOS6 kommenden Herbst fort.

  • Eine Benachrichtigungsleiste, die sich mit einem Wisch von oben in den Bildschirm hinein ausfahren lässt (Android)
  • Twitter (iOS5) und Facebook (iOS6) Integration in das System selbst (Windows Phone 7/7.5)
  • iCloud synchronisiert Kontakte, Mails, Einstellungen und Apps mit mehreren Geräten (Android)
  • Updates ohne iTunes (Over-the-air) (Android)
  • Lautstärketasten als Kamera-Auslöser (Windows Phone 7, obgleich dort ein eigener Knopf dafür verwendet wird)
  • iMessage (Windows Phone 7, automatisch über SMS/Windows Live Messenger/Facebook Nachrichten verschicken)

Also ist Apple in manchen Punkten genauso schuldig wie Samsung, sich von der Konkurrenz „inspirieren“ zu lassen. Nur machen Google oder Microsoft da nicht so ein Drama draus. Warum würde mich auch mal im Detail interessieren, aber ich vermute mal, deren Philosophie ist einfach eine ganz andere und die haben auch genug Einnahmen aus etlichen anderen Bereichen. Vergessen wir hier nicht, dass Apple sich ausschließlich im Hochpreissegment bewegt und nur wenig Computer, dafür aber massig Endgeräte absetzt und sich mit iTunes den Arsch vergolden lassen kann. Google kann dasselbe mit massig Werbeeinnahmen abdecken und Microsoft ist immer noch stark am Markt für PCs positioniert (mal sehen wie lange das mit Windows 8 noch so bleibt) und verdient sich dumm und dämlich an Lizenzverträgen mit den ganzen Herstellern von Android-Geräten.

An einem bestimmten Punkt ist mir aber auch was aufgefallen. Nämlich, dass sich beide Konkurrenten gegenseitig durch „Ideenklau“ verbessert haben und das ist eigentlich das beste, was dem Konsumenten passieren kann. Aber da Samsung langsam zu einer echten Bedrohung für Apples Gewinnmarge wurde und Apple auch nur dann innovativ wird, wenn es darum geht auf mangelhaft umgesetzte Ideen anderer Hersteller seinen angebissenen Apfel drauf zu klatschen, ist es nur verständlich, dass Apple sein Hauptgeschäft nicht kampflos anderen Herstellern überlassen will. Das ist ja auch ihr gutes Recht, aber den Markt mit Patentklagen zu verzerren, deren Inhalt so dermaßen Absurd ist (Stichwort: „Designpatent auf Rechteck mit abgerundeten Ecken“), dass man sich nur noch Fragen kann, wie der Patentantrag dafür überhaupt durchgekommen ist, entbehrt jedweder Logik. Aber wo war die andererseits bei Apple schon jemals vorhanden?

Zwischenzeitlich dachte auch ich mal daran mir ein iPhone zu holen, weil das Android Update Ökosystem immer noch für’s Pupsloch ist. Allerdings hab ich den Gedanken nie in die Tat umgesetzt, weil ich dazu einfach kein Geld hab und ich eigentlich ein geöffnetes System wie Android irgendwie nicht missen will (ScummVM kriegt man z. B. nicht ohne Jailbreak auf’s iPhone, wie auch jede andere App, die nicht über einen App Store vertrieben wird oder deren AGBs nicht gerecht werden würde *zwinker*). Ich hab zwar seit gut einem Jahr ein iPad, aber das werd ich demnächst auch abstoßen und die Lücke durch mein Nexus 7 ersetzen. In meinem Fall mach es einfach mehr Sinn, mich ganz für eine Seite zu entscheiden (auch wenn ich die Idee an sich bescheuert finde hier von „Seiten“ zu reden, als wären wir in einer Art Krieg, aber so wie es abgezogen wird, kann man’s ja kaum anders nennen) und wenn ich mir kein iPhone hole und damit in Verbindung mit einem iPad voll im Apple Universum aufgehe, dann kann ich genauso gut ein Android Tablet benutzen und dafür voll im Google Universum aufgehen, denn das Nexus 7 stellt durchaus eine brauchbare Alternative dar und ich nutze eh so viele Google Dienste, dass ein Android Tablet einfach vernünftiger ist.

Doch ich schweife ab.

Fakt für mich ist jedenfalls, dass irgendwann jeder von jedem kopieren wird, weil alle Möglichkeiten einer intuitiven Bedienung ausgeschöpft sind und dieses grenzdebile Patentieren von Designs, Geschmacksmustern und – am allerschlimmsten – Software lässt einen freilich irgendwann verzweifeln. Dennoch, in dem Stil wie es Samsung abgezogen hat haben sie es regelrecht herausgefordert einen auf die Zwölf zu bekommen, vor allem wenn dem Richter von der Gegenseite auch noch Interna vorgelegt werden, die belegen, dass von Anfang an ein iPhone Klon geplant gewesen ist, weil man selbst keine Ideen hatte. Aber bei so einem Deppenhaufen mit Dollarzeichen in den Augen kommt halt niemandem die Idee sowas mit den besseren Geräten zu entscheiden oder gar – Gott bewahre – den Kunden entscheiden zu lassen, was besser ist. Ich denke ja, dass daran nochmal das ganze System zugrunde gehen wird, wenn wegen völliger innovativer Inkompetenz die Gewinne eingeklagt werden müssen, sprich wenn jemand einfach besser ist und man sich selbst nicht verbessern, sondern nur abkassieren will. In der BWL nennt man das ne Cash Cow. Die wird gemolken, auch wenn sie nicht groß abgesetzt wird und da sprechen die Zahlen zum iPhone ja eine deutliche Sprache. Obwohl man Fair sein und zugeben muss, dass Apple es allein auf den Marktanteil geschafft hat auf dem sie sind, wo Android ja von weitaus mehr Herstellern vertrieben wird, die auch den Niedrigpreissektor bedienen, wo nicht jeder bereit ist für ein „Handy“ 600-800 EUR auszugeben. Solange es auf der anderen Seite vom großen Teich aber weiterhin Softwarepatente gibt, werden wir einen solchen Spaß noch länger mitmachen müssen und ich bete zu Gott, dass es so etwas im EU-Raum NIE geben wird!

Ich kann nur hoffen, dass dieser Kindergarten mit diesem Urteil endlich ein Ende finden wird und sich Samsung in Zukunft bemühen wird eigene Designs auf die Beine zu stellen, anstatt wie die Chinesen stumpf nachzubasteln. Aber wie ich die Lage so rückblickend einschätze, wird es das wohl letzten Endes doch nicht. Was nach dem Urteil bleibt ist nach wie vor die irritierende Tatsache, dass Apples Patente von den Juroren kein bisschen angezweifelt wurden, obgleich ein Blinder mit Krückstock erkennen hätte können, dass sich Apple Dinge patentieren hat lassen, die jedem Hanswurst eingefallen wären, wenn er ein Interface für Smartphones entworfen hätte (ich mein, ernsthaft, wieso verklagen sie nicht gleich Microsoft für das Design des Desktops? Da sind doch auch Programmicons gekachelt angeordnet). Diese Designs sind allgegenwärtig und haben sich (schon weit vor iOS und Android, hallo S60) als de facto Standard etabliert. Dass Apple jetzt daherkommt und sich das in Patente zementieren lässt und das eben in einem solch entscheidenden Urteil keineswegs in Frage gestellt wird, lässt jedwede Hoffnung sterben, dass dieser Kindergarten mit diesem Urteil beendet sein wird. Im Gegenteil: Jetzt hat Apple ein Totschlagargument in die Hände gereicht bekommen, sämtliche Hersteller bis auf’s letzte Hemd zu verklagen und deren Geschäfte mit Androidhandys zu ruinieren. Das einzige, was das noch verhindern könnte, wäre eine Jury, die sich nicht mit 20-seitigen Fragebögen á 700 Fragen schmieren lässt und wenigstens ein bisschen was von der Materie versteht. War damals noch hauptsächlich Microsoft das Opferlamm, auf das man wegen unlauterer Methoden eingedroschen hat, ist Apple nun an diesen Platz gerückt während sich Microsoft zu einer echt sympatischen Firma gemausert hat – zumindest im Vergleich zu früher.

Wenn man so drüber nachdenkt ist die Schuld an dem ganzen Kasperletheater eigentlich bei den Patentämtern zu suchen, die noch nicht ganz geschnallt haben, dass die analoge und digitale Welt längst nicht mehr so distinktiv voneinander zu trennen ist und deswegen nicht jedem Glitzereffekt auf einem Handy ein Patent zusprechen müssen. In einer Zeit wie heute, wo Eyecandy schon auch dazugehört, sollten sich diese nicht mehr patentieren lassen können. Aber Common Sense ist ja schon fast eine Superhelden-Kraft, so selten wie diese heute noch in Erscheinung tritt.

Ein Gedanke zu “Wie ich den Fall Samsung vs. Apple sehe

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