Das Internet hat gesprochen

Die am 18. Januar 2012 stattgefundenen Internet-Proteste hatten eine durchaus prägnante Wirkung. Mittlerweile sind fast alle gegen SOPA/PIPA. Die Gegnerzahl ist von mageren 31 auf 122 gestiegen.

Dass die Stimmen aus dem Netz allerdings erst so laut werden konnten lag bestimmt auch daran, dass vielbesuchte Webangebote ihre Dienste teils komplett abgeschaltet haben (wie die englische Wikipedia) und Informationen bereitstellten, wie US-Bürger ihren politischen Vertreter kontaktieren können. Die Medien und soziale Netzwerke wurden von den entrüsteten Meldungen dominiert und dies zeigte, wie stark die Politik das Internet immer noch unterschätzt.

Mancher mag sich (immer noch) fragen, warum da keine Ruhe einkehrt? Warum soll ein Gesetz, das Piraterie (oder am Beispiel der in Deutschland umstrittenen Internetsperren: Kinderpornographie) verhindern soll nicht durchkommen? Das liegt einfach daran, dass die Politik keine Ahnung hat und sich den Lobbyisten beugen, weil sonst keine Kohle mehr fließt. Das heißt schlichtweg, dass hinter politischen Entscheidungen nicht das Wohl der Bevölkerung steht, sondern die Interessen von Medienkonzernen („Contentmafia“), die sich schlichtweg in die Hosen scheißen, dass mit weniger Umsatz gerechnet werden muss, weil man sich neuen Technologien komplett verschließt und sie lieber bekämpft. Frei nach dem Motto: Was der Mensch nicht kennt, macht ihm Angst, ergo muss er es bekämpfen. Egal ob es dabei aber bisher um das Bekämpfen von Kinderpornographie im Netz geht oder um Anti-Piraterie, fast immer haben die Politiker Zensur im Kopf oder zumindest ein System, das eine Zensur-Infrastruktur begünstigt und daher den Verdacht nahelegt, dass diese Infrastruktur bald mehr macht als das, für was sie ursprünglich erdacht wurde.

Ein paar Beispiele, warum die Contentmafia gequirlte Kacke labert:

1982, Jack Valenti über VHS:

„We are now faced with a new and troubling assault on our fiscal security, on our very economic life and we are facing it for a thing called the video cassette recorder.“

„Wir sehen uns einem neuen und beunruhigendem Angriff auf unsere finanzwirtschaftliche Sicherheit, auf unser ökonomisches Leben gegenüber und dieser nennt sich Videokassettenrecorder.“

Wer in den 80ern bzw. 90ern geboten ist wird sich an die Videokassette noch gut erinnern. Sie war die erste Möglichkeit alles mögliche aufzunehmen und später wieder anzuschauen – und war dabei einigermaßen erschwinglich und simpel. Hätte die Videokassette damals einen ganzen Markt zerstört, gäbe es heute die Weiterentwicklungen DVD und Blu-Ray nicht, die der de facto Standard für Filme in den Ladenregalen sind. Also: Bullshit!

1982, ASCAP über Audiokasetten:

„When the manufacturers hand the public a license to record at home […] not only will the songwriter tie a noose around his neck, not only will there be no more records to tape, but the innocent public will be made accessory to the destruction of four industries.“

„Wenn die Hersteller der Öffentlichkeit eine Lizenz in die Hand geben zuhause aufzunehmen […] hängt sich nicht nur der Songschreiber eine Schlinge um den Hals und es gibt auch keine Platten mehr aufzunehmen, sondern die Öffentlichkeit wird ein Werkzeug dazu vier Industrien zu zerstören.“

Die Compact Cassette war analog zur Videokassette auch ein Grund der Musikindustrie sich die Hosen vollzuscheißen wegen nichts und wieder nichts. Anfang für Diktiergeräte gedacht wurde sie auch bald für Musikaufnahmen benutzt. Da viele davon begeistert waren Radiomitschnitte auf Kassette mitzuschneiden wurde von der Musikindustrie eine Kampagne gestartet: Home Taping is killing Music. Parodien zu dieser Kampagne machen weitere Ausführungen meinerseits, warum das Bullshit ist, total überflüssig: „Home Fucking Is Killing Prostitution.“ So viel dazu…

1998, Hilary Rosen zum MP3-Player:

„Diamond’s product Rio was destined to undermine the creation of a legitimate digital distribution marketplace.“

„Diamonds Produkt Rio war dazu bestimmt die Erschaffung eines seriösen digitalen Marktplatzes zu untergraben.“

Wir erinnern uns: 1998 wurde das Internet zunehmend dazu genutzt Dateien zu tauschen. Um die Jahrtausendwende wurde es immer populärer auch Musik über dieses Medium zu tauschen. Die RIAA fürchtete mal wieder um ihre Umsätze und verhängte eine einstweilige Verfügung. Aber wenn man sich heute anschaut klingt es fast wahnwitzig, was die RIAA behauptet hat. Es gibt mehr als genug digitale Vertriebswege für Musik: iTunes, Amazon, MusicLoad, Last.fm, Spotify, Simfy. Und der Brainfuck daran kommt ja noch: der MP3-Player iPod hat das 2001 alles erst so richtig ins Rollen gebracht.

2002, Jamie Kellner zu Festplattenrecordern:

„It’s theft […] Any time you skip a commercial or watch the button you’re actually stealing the programming.“

„Es ist Diebstahl […] Jedesmal wenn Sie eine Werbesendung überspringen oder den Knopf anschauen [Anm.: hä???] stehlen Sie eigentlich das Programm.“

Dieser Wahnsinn ist mit HD+ der privaten Fernsehsender schon Realität geworden. Dem Fernsehzuschauer wird vom Sender vorgeschrieben, wie er fernzusehen hat. Aufgenommene Programme lassen sich nur über einen vom Sender festgelegten Zeitraum speichern (Verfallsdatum), Aufzeichnen komplett unterbinden, Werbung lässt sich nicht überspringen, eben alles was früher Gang und Gäbe war ist jetzt verboten aus Profitgier.

Die richtige Sauerei ist eigentlich, dass die Contentmafia versucht sich eine rechtliche Grundlage für ihre Profitgier zu schaffen. So könnte man SOPA/PIPA in einem Satz prägnant zusammen fassen. Da die Gegenstimmen aus Netz und Parlament allerdings so laut geworden sind ist in diesem Jahr nicht mehr mit Neuabstimmungen zu rechnen.

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