Nokia und Größenwahn

Nokia weiß bescheid: Laut Niels Munksgaard, Chef von Portfolio, Product Marketing & Sales Nokia Entertainment Global, haben die jungen Leute das viel zu komplexe Android und das omnipräsente iPhone satt und wollen lieber etwas Neues ausprobieren, das obendrein noch auf dem neusten Stand der Technik ist. Wie er darauf kommt verrät der gute Mann allerdings nicht.

Das Nokia Lumia 800 ist der jüngste Sprössling aus der Nokia-Microsoft-Ehe

Damit lehnt sich der Manager ziemlich aus dem Fenster. Diese „schwarzen Klötze“, wie er Smartphones in den meisten Läden beschreibt, sind keinen Pappenstiel, da wird „ausprobieren“ ziemlich schnell ziemlich teuer. So ein Teil kostet einen mal locker 400 Tacken aufwärts und mit vorher für paar Tage ausprobieren ist nicht, weil damit verdienen die Handyläden ja nicht. Ich wollte ja auch mal ein Windows Phone, allerdings gibt es keinerlei Telefone zum Verleih bzw. Testen, ob es für einen das Richtige ist. Weiter als im Laden auf Ausstellgeräten rumzutatschen bin ich nicht gekommen und das schränkt das Testerlebnis – sofern man von sowas sprechen kann – meiner Meinung nach schon stark ein. Und ich werd nen Teufel tun und meine Logins auf Ausstellungsgeräten hinterlassen, wenn ich das Gerät nicht wipen kann!

Nokia scheint wohl durch die Kooperation mit Microsoft etwas beflügelt, jetzt nachdem sie Symbian ditschen konnten (war an Unübersichtlichkeit nicht zu toppen und App-Angebot war ein Witz). Aber speziell mit solchen Aussagen wäre ich in Nokias Position zurückhaltend. Windows Phone (mit 1 % Marktanteil) muss sich erst noch gegen Android und iPhone (streiten sich um die > 50 %) bewähren, denn dass die beiden so erfolgreich sind bzw. waren hatte seinen Grund.

Aufstieg und Fall der Marke iPhone

Mit dem iPhone krämpelte Apple seinerzeit den Smartphonemarkt gründlich um. Intuitive Steuerung mit einem ansprechenden Interface lockte Kunden in Scharen an, worzu der Bekanntheitsgrad der Marke iPod als non-plus-ultra unter den MP3 Playern sicherlich auch beitrug. Das App-Angebot wuchs innerhalb kürzester Zeit rasend schnell an und der altbekannte Slogan – wer kennt ihn nicht – „Da gibt es doch eine App für“ sorgten dafür, dass Smartphones immer smarter wurden.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Als Google mit Android und seiner offenen Plattform viele Entwickler überzeugen konnte musste sich Apple plötzlich gegen ernstzunehmende Konkurrenz behaupten. Mittlerweile ist Android eines der meist eingesetzten Smartphone OS.

Dass Apple Schiss vor dieser Konkurrenz hat zeigt sich vor allem dadurch, wie hartnäckig Cupertino die Hersteller von Android Handsets versucht davon abzuhalten weiterhin Geräte zu verkaufen. Denn wenn das iPad nicht wäre, hätte Apple meiner bescheidenen Meinung nach so gut wie gar kein Steckenpferd mehr und man könnte alles von denen als hoffnungslos überteuerte Luxusgüter einstufen. Hört sich jetzt nicht nach viel Unterschied an, aber kostenbewusste Kunden greifen eher nach der preiswerteren Konkurrenz. Da ist es dem 0-8-15 Otto erst mal wurscht was da drauf läuft, er will ein Handy, keine ausklappbare Sonnenbank mit Telefonfunktionen. Und die Budget- und Einstiegsmodelle mit Android erreichen diese Zielgruppe viel effektiver. Klar verkaufen sich immer noch iPhones, aber selbst mir sind komische Beschwerden zu Ohren gekommen, nach denen die „einfachen“ Geräte mehr Murks machen, als man glauben sollte (unter uns: ich glaube ja, dass iPhone Benutzer einfach deswegen ein iPhone haben, weil sie zu doof für alles andere, sogar ihr iPhone, sind und es so stümperhaft bedienen, dass sie sich das selbst zuzuschreiben haben).

Außerdem entwickeln sich die Android Smartphones technisch um ein Vielfaches schneller als die Apple Geräte, die nur einmal im Jahr ein Upgrade erfahren. Es waren immerhin die Android Smartphones, die als erste Dualcore Prozessoren beinhalteten.

Auch Softwaretechnisch lässt Android einem viel mehr Freiheiten. Einfachstes Beispiel: Klingel- und SMS-Töne. Während beim iPhone ein Ton höchstens 30 Sekunden lang sein darf, können bei Android Töne für Anrufe, Benachrichtigungen und Wecker so lang sein wie sie eben sind. Einfach auf die SD-Karte in den Ordner für Töne kopieren – fertig. Beim Anrufton geht das sogar noch einfacher aus dem Musikplayer heraus: Menütaste -> Als Klingelton. Beim iPhone muss man einen umständlicheren Weg gehen:

  1. in den iTunes CD-Import-Optionen (für Klingeltöne?) den AAC-Kodierer wählen
  2. gewünschtes Lied in der iTunes Mediathek aussuchen
  3. *rechtsklick* Informationen
  4. Start- und Stopzeit eintragen; max. 30 Sek.
  5. mit OK Änderungen speichern
  6. Rechtsklick auf den Song
  7. Klingelton erstellen
  8. Klingelton auf iPhone synchronisieren
  9. fertig

Was iTunes da erstellt ist aber im Prinzip nichts anderes als eine .m4a-Datei mit anderer Endung, .m4r für Klingeltöne im AAC-Format.  Komm mir bloß nochmal einer mit Apple und Simplicity.

Der Dritte im Kreis der „Big Three“

Microsoft ist bei der Restriktion fast noch einen Schritt weiter gegangen als Apple. Ähnlich wie Apple erlaubt Microsoft auf seinem mobilen OS kein Multitasking für Drittanbieter-Apps. Als Grund gibt Microsoft (wie Apple seinerzeit) an, dass dies die Akkulaufzeit stark verringern würde. Die Microsoft-Apps können allerdings im Hintergrund weiterlaufen, wie z. B. Telefon, Musik und Datenübertragungen. Das änderte sich aber auch erst mit dem Windows Phone 7.5 Update „Mango“. Auch eigene Klingeltöne, die vorher überhaupt nicht möglich waren, können in „Mango“ benutzt werden – sind allerdings auch auf max. 40 Sekunden beschränkt. Und es ist frickeliger als mit einem iPhone. Man muss nämlich selbst wissen, wie man die 40 Sekunden seines Lieblingsohrwurms zurechtschneidet, anders als bei iTunes, das diese Funktion mehr oder weniger „out-of-the-box“ mitbringt.

Apropos iTunes: Um sein Windows Phone mit Inhalten vom PC bespielen zu können muss man die Zune Software benutzen. Das Telefon „als USB Datenträger benutzen“: Fehlanzeige! Und wer wie ich so läppische 50 Mio. Songs auf der Platte hat (das ist bewusst übertrieben, für Leute die mit Ironie nichts anfangen können) und lieber eine Ordnerstruktur durchsucht wird hier entweder fluchen oder sich für jeden Mist Playlisten anlegen und ob dem Zusatzaufwand ebenfalls fluchen. Zune beherrscht zwar auch automatische Playlisten wie iTunes, mir persönlich fehlen da aber noch ein paar Funktionen im Erstelldialog. Ich will meine ganzen Metroid, Mega Man, Final Fantasy, etc. OC Remixes nicht alle mit der Albumansicht durchsuchen, das ist grauenhaft unkomfortabel. Vor allem, wenn im selben Album (bspw. http://www.ocremix.org oder http://doom.ocremix.org oder http://ocremix.org) mehrere unterschiedliche Interpreten vorkommen hat man dasselbe Album dann 50.000 Mal vor sich mit nur einem einzigen Track pro angezeigtem Album und muss lange scrollen und jedes angezeigte Album durchsuchen, ob der Track drin ist. Und wenn man denkt man kann das Telefon dann wegstecken und einfach dudeln lassen, muss man es nach jedem Track wieder rausholen und den nächsten Track aussuchen anstatt es einfach spielen zu lassen. Ich kann nicht sagen, ob Windows Phone das auch so macht (gibt ja keine Leihgeräte), aber hätte iTunes nicht die automatischen Listen, die Inhalt basierend auf Tag-Infos automatisch aufnehmen, würde ich mit meiner Musik auf meinem iPad wahnsinnig werden.

Des Weiteren hinkt Windows Phone genauso wie das iPhone der technischen Entwicklung hinterher. Unterstützung für Dualcore Prozessoren hat das Smartphone OS (noch) nicht, es sind also auch keine Geräte mit welchen in Planung. Aber immerhin gibt es bereits Handsets mit Frontkamera, die Videotelefonie z. B. in Skype erlauben (wann das auch immer in Windows Phone Einzug halten soll).

Nur Augenwischerei?

Von welchen neuartigen Geräten, um die sich die jungen Leute reißen, der Nokia Manager also letztendlich spricht ist mir schleierhaft. Entweder ist der arme Mann von der Stagnation seines Konzerns schon grenzdebil geworden und blubbert unwahrscheinlich dummes Zeug daher, um einen Kaufanreiz zu schaffen wo keiner ist oder sie sind einfach nur verzweifelt, weil die Allianz mit Microsoft nicht der Heilsbringer ist, den man sich erhofft hatte. Nokia war mal erste Wahl bei jungen Leuten, aber die hat sich jetzt Samsung und Apple geschnappt. Allgemein betrachtet scheinen Nokia und Microsoft auch nicht 100 %ig dasselbe Ziel zu verfolgen bzw. Nokia will mehr bestimmen als sie können. Nokia geht es wohl mehr darum wieder den Status Quo zu erlangen (Gott, jetzt verwende ich die Phrase auch schon) und wieder Marktführer zu werden, während sich Microsoft erst mal wieder ganz vorsichtig in den mobilen Markt hineintasten will, was auch besser ist nach der langen Pause und dem Desaster Windows Mobile. Doch Microsoft ist ja nicht gerade dumm, wenn es ums Marketing angeht.

Der Nokia Manager meint, sie wollen Smartphones und Dienste anbieten die „anders“ sind. Wobei „anders“ nicht zwangsweise „besser“ bedeuten muss, und letzteres ist ja normalerweise grundlegendes Ansinnen von Technik und von Geschräftstreibenden, die die Konkurrenz alt aussehen lassen wollen. Und das ist mit dem neuen Nokia Lumia 800 nicht gerade erreicht. Engstirnig betrachtet kann derzeit keines der Windows Phones den Mitbewerbern das Wasser reichen – wenn man nur auf die Hardware schaut zumindest. Aber ich muss auch selbst sagen, dass ich nicht unbedingt ein Verfechter von „Ich muss immer die aktuellste Hardware haben“ bin. Denn dann würde ja mind. jedes Quartal ein neues Handy herhalten müssen, weil die Technik nicht auf die Handyhersteller wartet. Und mal so ganz nebenbei hab ich eine aus der Hosentasche zückbare Gliedverlängerung nicht nötig 😉

„Anders“ als Android schaffte sich Microsoft mit den strengen Vorgaben für Handsethersteller auch eine einheitliche Plattform, in der die Hardware nicht wild wuchert und App-Entwickler in den Wahnsinn treibt. Auch die Entscheidung, Updates selbst anzubieten und nicht wie bei Android die Hersteller der Handsets und Netzbetreiber zu überlassen finde ich sehr gut, da somit jedes Handset schneller auf dem neusten Stand ist.

Trotz meines zuweilen manchmal triefenden Sarkasmus könnte ich mir vorstellen, dass Nokia mit Windows Phone dem Anspruch durchaus gerecht werden könnte „anders“ zu sein. Aber wie schon gesagt, das heißt nicht automatisch „besser“.

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